Rechtliche Betreuung und Vormundschaften

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Ramazan Salman, Geschäftsführer des Ethno-Medizinischen Zentrums und 1. Vorstandsvorzitzender des Instituts für transkulturelle Betreuung e.V., sprach im Kanzleramt anlässlich der Auftaktveranstaltung zum Schwerpunktjahr „Gesundheit". Am 03. März dieses Jahres lud die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Aydan Özoğuz, zur Auftaktveranstaltung ihres

Schwerpunktjahres „Gesundheit und Pflege in der Einwanderungsgesellschaft" ins Bundeskanzleramt nach Berlin ein.

Ramazan Salman wurde als Hauptredner geladen und informierte die Anwesenden über die gesundheitliche Lage der Migrantinnen und Migranten in Deutschland. Gemeinsam mit Politikern, Fachleuten, Verantwortlichen und Vertretern von Verbänden diskutierte er über die Herausforderungen, die sich für das Gesundheitssystem in einer Einwanderungsgesellschaft ergeben. Dabei ging es besonders auch um die Frage, vor welchen Barrieren Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bezüglich einer adäquaten Gesundheitsversorgung stehen und wie man einen gleichberechtigten Zugang für alle Menschen erreichen kann. Besonders im Fokus stand in diesem Zusammenhang der demographische Wandel, genauer gesagt, MigrantInnen, die schon länger in Deutschland leben und langsam ein Alter erreichen, in dem sie pflegebedürftig werden. Ramazan Salman wies darüber hinausgehend aber auch auf die nachweislich schlechteren Gesundheitschancen von Migrantenkindern hin. Eine interkulturelle Öffnung und integrative Versorgung betrachtet er als Querschnittsaufgabe und nahm in seinen Ausführungen sowohl staatliche Institutionen als auch die Privatwirtschaft in die Pflicht. Das EMZ freut sich, dass das MiMi-Projekt auf dieser wichtigen Veranstaltung präsent sein durfte.


Vortrag vom 3. März 2015

Gesundheitliche Chancengleichheit für alle

Ramazan Salman (Ethno-Medizinisches Zentrum e.V.)

Eine gesunde Bevölkerung ist wirtschaftlich erfolgreicher, hat mehr Chancen auf Bildung und verursacht geringere soziale Kosten. Nicht zuletzt integrieren sich gesunde Menschen besser in die Gesellschaft und arbeiten am gemeinsamen Wohlstand. Dies trifft auf alle zu, auf Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund.

Die Bereiche der Bildung und der körperlichen wie seelischen Gesundheit gehören zu den zentralen Zukunftsinvestitionen und Aufgabenfeldern der Öffentlichen Hand. Das Gesundheitssystem spielt in diesem Kontext eine nicht unwesentliche Rolle. Auf Grund der Wechselbeziehung zwischen Integration und Gesundheit kann die gesundheitliche Lage Integrationsverläufe mit allen ökonomischen, sozialen, kulturellen, politischen und biologischen Aspekten widerspiegeln. Gesundheitsversorgung muss sich deshalb immer auch ihrer Integrationsaufgabe bewusst sein.

Staatliche Institutionen können sich hier genauso wenig zurückziehen wie die Privatwirtschaft. Beide Bereiche, Bildung wie Gesundheit, sind aber nur zukunftsfähig, wenn sie weniger mit abhängigen Konsumenten zu tun haben, als vielmehr mit eigenverantwortlichen und kritischen Nutzern und Bürgern als Kunden und Servicenutzer. Weder obrigkeitlicher Wohlfahrtsstaat noch der sozial unverantwortliche Verzicht, Verantwortung für gemeinschaftliche Aufgaben wahrzunehmen sind gefragt, sondern das Zusammenwirken eines aktivierenden Staates mit zivilgesellschaftlichen und unternehmerischen Ansätzen.

Hierbei sind präventive und gesundheitsfördernde Angebote eminent wichtig, denn sie signalisieren den Migranten die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, und darauf dass an den Nöten und am Wohlergehen der zugewanderten Mitmenschen Interesse besteht. Diese gefühlte emotionale Zuwendung ist eine wichtige Triebfeder der individuellen Integration.

Bedauerlicherweise profitieren Migranten zu wenig von den Möglichkeiten der Gesundheitsversorgung in Deutschland, obwohl unser System zu den besten in der Welt zählt. Exemplarisch wird das an den Versorgungsbereichen der medizinischen Rehabilitation und der Pflege sowie der Vorsorge bei Kindern und Jugendlichen deutlich. Bei medizinischen Rehabilitationsmaßnahmen sind Migrantenstämmige unterrepräsentiert. In der stationären Pflege und Altenhilfe herrscht ein akutes Versorgungsdefizit, von dem sie noch stärker als die Mehrheitsbevölkerung betroffen sind.

Ein Blick auf die Kindergesundheit verdeutlicht den Handlungsbedarf auch in der Gesundheitsförderung: So lassen sich überproportional viele Unfälle mit Verletzungsfolgen bei migrationsstämmigen Klein- und Schulkindern im Straßenverkehr festhalten. Auch die Gesundheitsvorsorge, insbesondere zur Früherkennung von Entwicklungsstörungen, hat trotz positiven Entwicklungstrends noch keinen befriedigenden Stand erreicht, wie Defizite im Impfstatus und symptomatische Auffälligkeiten bei Einschulungs- und Schulentlassungsuntersuchungen andeuten. Vielfach beschriebene Herausforderungen im Kontext der Migration sind auch Adipositas, verursacht durch Ernährungsfehler und Bewegungsmangel, zahnmedizinische Problematiken oder Suchtkarrieren.

Die Unterschiede in der Inanspruchnahme und Wirksamkeit von Versorgungsangeboten deuten auf Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache und „Versorgungskultur“ hin. Falsch verstandene oder unvollständige Informationen über Versorgungsangebote erschweren gerade vor dem Hintergrund komplexer Versorgungsstrukturen den Zugang zu Versorgungsdiensten und führen zu Schwellenängsten. Interaktions- und Kommunikationsprobleme werden außerdem durch kulturspezifische und migrationsspezifische Bedürfnisse und Bedarfe begünstigt, die im Versorgungssystem oftmals nicht ausreichend verstanden und berücksichtigt werden.

Damit Menschen mit Migrationshintergrund denselben Zugang zu Informationen und zu Angeboten des Gesundheitssystems wie die Mehrheitsbevölkerung finden können, ist es daher hilfreich, wenn vorhandene Angebote inhaltlich wie organisatorisch bedarfsorientiert an den Lebenswelten der Zielgruppe ansetzen, die Aufnahmefähigkeit für gesundheitsrelevante Informationen verbessern und zu gesundheitsförderlichen Lebensweisen motivieren. Vor dem Hintergrund dieser Zusammenhänge wird ein bewusster Umgang mit der Migrationssituation zu einer wichtigen Ressource und Integration bzw. Teilhabe zu einem wichtigen Faktor der Gesundheitsversorgung.

Durch migrationsberücksichtigende Gesundheitsversorgung kann ein breites Spektrum an Nutznießern erreicht werden. Deshalb halten wir es für besonders wichtig, gesetzliche Krankenkassen, Krankenhäuser, Gesundheitsämter, Migrantenselbstorganisationen und generell Anbieter im Bereich der Regelversorgung zu unterstützen, damit diese ihre Aufgabe, zur Integration durch Gesundheit beizutragen, erfüllen können:

Durch Bereitstellung von Finanzmitteln, geeignete rechtliche Rahmenbedingungen, durch Partnerschaften zwischen Migrantenorganisationen und dem Gesundheitswesen sowie durch Dolmetscherservices, mehrsprachige Informationsvermittlung, interkulturelle Qualifizierung, kultursensible Präventionsprogramme, Forschung und „Interkulturelle Öffnung kann eine alle Bevölkerungsgruppen einschließende Gesundheitsversorgung erreicht werden.

Das Grundproblem liegt nicht so sehr darin, die Versorgungsbarrieren zu lokalisieren und entsprechende Konzepte zu ihrer Beseitigung zu entwickeln, sondern darin, wer die Verantwortung für Veränderungen übernimmt und Vertrauen schafft.

Wie kann die interkulturelle Öffnung aller Gesundheitsangebote erfolgen?

Die Rolle Deutschlands als Einwanderungsland wird die Frage nach interkultureller Kompetenz des Gesundheitssystems zunehmend in den Fokus des Interesses rücken. Daher bedarf es gerade im Themenkomplex „Verringerung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen“ verstärkter Anstrengungen, damit mangelnde interkulturelle Kompetenz im Gesundheitswesen nicht zum Standortnachteil wird.

Gesamtgesellschaftliche Integration kann gleichermaßen Ausgangspunkt und Ziel von Gesundheitsförderung mit und für Migranten sein. Gesundheitsförderung fordert in dieser Perspektive die Reorganisation der Gesundheitsdienste in einer Gesellschaft, fordert ihre Ausrichtung auf die Gesundheit und nicht nur auf die Behandlung von Krankheiten. Sie ist sowohl emanzipatorisch als auch partizipativ ausgerichtet. Die Auseinandersetzung mit Migrationszusammenhängen sollte deshalb unter dem Stichwort „Interkulturelle Öffnung“ soweit wie möglich Bestandteil der Regelversorgung sein. Spezialisierte Dolmetscherdienste oder muttersprachliche Präventionsangebote dienen dann dazu, Ungleichheiten von Gesundheitschancen auszugleichen.

Damit alle gesellschaftlichen Gruppen, einschließlich derer mit Migrationshintergrund, effizient und effektiv im Gesundheitswesen integrativ versorgt werden können, ist die Entwicklung interkultureller Handlungskompetenz unerlässlich. Eine gelingende interkulturelle Öffnung setzt die Akzeptanz kultureller Vielfalt der Nutzer voraus und erkennt Menschen aus diversen soziokulturellen Kontexten als spezifische Zielgruppe. Eine wichtige Grundlage ist hier die konsequente Erforschung ihrer Bedürfnisse. Dazu gehören aber auch die schrittweise Schaffung von und der Ausbau der Rahmenbedingungen wie die Etablierung von Dolmetscherdiensten sowie die Vernetzung und Kooperation mit Migrationsdiensten.

Für die Gewährung der Nachhaltigkeit von interkulturellen Öffnungsprozessen in Institutionen und Strukturen der Gesundheitsversorgung ist eine umfassende und permanente Qualitätssicherung auf allen Ebenen angezeigt:

Auf der Mitarbeiterebene ist der Ausbau multiethnischer und multilingualer Arbeitsteams sowie die spezifische Fort- und Weiterbildung aller Fachkräfte erforderlich.

Darüber hinaus muss eine kontinuierliche interkulturelle Reflexion darüber erfolgen, ob die Routinen der Institution die erhofften Resultate erbringen können.

Ein weiterer Baustein ist die Überprüfung der Wirksamkeit erbrachter Leistungen und die professionelle Nachsorge, die auch die verstärkte Unterstützung von Selbsthilfegruppen im Bereich sekundärer und tertiärer Prävention einbeziehen sollte.

Interkulturelle Öffnung ist also insgesamt als Querschnittsaufgabe zu verstehen:

  • Leitungs- und Planungsebenen tragen hier besondere Verantwortung. Eine diesbezügliche Personalpolitik und die konsequente Beachtung sprachlicher Verständigung mit Hilfe von versierten Dolmetschern sind hier die unmittelbarsten Ziele.
  • Die Berücksichtigung von Migranten in Evaluation, Dokumentation und Epidemiologie schafft erst die Voraussetzungen für eine verbesserte Konzeption und Planung und zur Überprüfung der Wirksamkeit erbrachter medizinischer und gesundheitsfördernder Leistungen.
  • Je besser entsprechende Lern- und Betriebskulturen dazu gepflegt werden, umso größer ist die Chance, dass kreative und wirksame Lösungen für die anstehenden Probleme gefunden werden können.

Für eine erfolgreiche Weiterentwicklung des Gesundheitswesens in Deutschland zu einem interkulturell offenen System, ist ein nachhaltiges und verantwortliches Zusammenwirken der Krankenkassen, dem öffentlichen Gesundheitsdienst, der Nichtregierungsorganisationen und den Integrationsinstanzen, wie beispielsweise die örtlichen Ausländer- bzw. Integrationsbeauftragten von zentraler Bedeutung. Damit lässt sich ein großes Potential an Sachkompetenz im Umgang mit Migranten bündeln.

Neue Ansätze werden erst dann zukunftsfähig, wenn sie auf politischer Ebene anerkannt und in Gesamtstrategien eingebunden, wenn die oben aufgeführten gesellschaftlichen Akteure unterstützt werden. Daher gilt es im Kontext des Ziels einer Verringerung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen, den politischen Diskurs bezüglich der Chancengleichheit von Migranten zu fördern.

Wir sind deshalb stolz und dankbar, dass die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration gemeinsam mit dem Bundesminister für Gesundheit diese Aufgabe und gesellschaftliche Führungsverantwortung übernommen haben. Die Migranten in Deutschland werden es ihnen danken und auch den beteiligten gesetzlichen Krankkassen, den Krankenhausgesellschaften, den Wissenschaften, dem Öffentlichen Gesundheitsdienst sowie den vielen Nichtregierungsorganisationen, die sich insbesondere für die gesundheitlichen Belange von Flüchtlingen einsetzen, die Schutz und Überleben in Deutschland suchen, einer Gesellschaft, deren Zivilisation sich mit diesem gesetzlich verankertem Überlebensangebot auszeichnet und beispielgebend ist. Sie werden als gesunde Menschen, als Bürger unseres Landes, die Zukunft Deutschlands mitgestalten und sichern.

Verantwortlich für den Inhalt:

Ramazan Salman

Geschäftsführer des Ethno-Medizinischen Zentrums e.V. (EMZ)

Ethno-Medizinisches Zentrum e.V.

Königstr. 6

30175 Hannover

Telefon: 0511-16841020 (Zentrale)

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Die Rede wurde auf der Internetpräsenz des Bundeskanzleramtes veröffentlicht und kann unter folgendem Link eingesehen werden: http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/IB/Artikel/Gesundheit/Themenjahr-2015/2015-05-05-rede-salmann.html